Brolucizumab-Update

Prof. Dr. Stephan Michels, Augenklinik Zürich West und Universität Zürich, gab eine Standortbestimmung zu Brolucizumab (Beovu®) bei neovaskulärer AMD, wofür es seit diesem Jahr zugelassen ist.

Das Einzelketten-Antikörperfragment (das in der Schweiz entwickelt wurde!) kann in einer hohen molaren Dosis ins Auge injiziert werden. Dies bedeutet, dass mehr Bindungsstellen für VEGF nach Injektion vorhanden sind und so eine potenziell längere Wirkdauer erreicht werden kann. In den Zulassungsstudien wurde mehr als jeder zweite Patient über 48 Wochen mit ausschliesslich einem 12-Wochen-Intervall behandelt. Über 96 Wochen erreichte es eine stabile Senkung der zentralen Retinadicke und eine stabile Visusverbesserung. Brolucizumab war zunächst in den USA zugelassen. Als bis Ende Februar 2020 etwa 46 000 Brolucizumab-Injektionen in den USA vorgenommen worden waren, wurden 14 Fälle von Vaskulitis berichtet (Beovu update for ASRS Members, 23 February 2020). Auf diese ging der Referent genauer ein.

Gemäss Prof. Michels ähnelt die Charakteristik der Nebenwirkungen interessanterweise der hämorrhagischen okklusiven retinalen Vaskulitis (HORV), eine seltene Komplikation nach intrakameraler Gabe von Vancomycin. Die unter Brolucizumab berichteten Vaskulitiden und vaskulären Okklusionen verlaufen von asymptomatisch bis zum schwerwiegenden Visusverlust; immer ist eine intraokulare Entzündung zugegen. Die Diagnose wird im Durchschnitt 30 Tage nach Injektion gestellt, die Ausprägung und der zeitliche Verlauf sind jedoch sehr variabel. Die Prozesse sind häufig progressiv, und sie scheinen gehäuft nach den ersten intravitrealen Injektionen aufzutreten. Baumal und Mitarbeiter veröffentlichten im September 2020 eine Expertenmeinung zum Management der Nebenwirkung (Baumal CR, Bodaghi B, Singer M, et al. Expert Opinion on Management of Intraocular Inflammation, Retinal Vasculitis, and/or Vascular Occlusion after Brolucizumab Treatment. Ophthalmol Retina. 2020 Sep 29:S2468-6530(20)30400-0.)

Prof. Michels gab Hinweise für die Betreuung von Patienten unter Brolucizumab [zwischenzeitlich hat die SVRG eine Stellungnahme publiziert: www.svrg.info/aktuell/]. Die Patienten seien unbedingt ausführlich über das Risiko für eine leichte bis sehr schwere Entzündung und das Risiko für einen schweren Sehkraftverslust aufzuklären. Bei Veränderung des Seheindrucks sollen sie sich als Notfall melden. Er empfiehlt alle 4 Wochen (in der SVRG-Stellungnahme: 2 – 5 Wochen) eine Kontrolle mit Visus, IOD, Fundus in Mydriase, um die Peripherie zu beurteilen, idealer Weise mit Fundusfoto. Bei Hinweisen auf eine intraokuläre Entzündung seien zusätzliche eine Weitwinkel-Fluoreszenzangiographie, eine angemessene anti-inflammatorische Behandlung (aggressiv und früh) und der Verzicht auf eine weitere Behandlung mit Brolucizumab ratsam.

Aktuell sei noch unklar, worin die Ursache der intraokulären Entzündung besteht. Am AAO Kongress im November 2020 wurde jedoch bestätigt, dass für Patienten mit intraokulärer Entzündung und / oder einer Okklusion in den 12 Monaten vor der ersten Brolucizumab Behandlung ein erhöhtes Risiko für eine intraokuläre Entzündung und / oder einer Okklusion in den ersten 6 Monaten der Behandlung mit Brolucizumab besteht (Zarbin et al. Profiles and Early Outcomes of Patients Who Initiated Brolucizumab for Neovascular (Wet) Age-related Macular Degeneration (AMD) and the IRIS Registry and Komodo Database, AAO 2020, 13-15 November 2020, oral presentation). Das Vorgehen zur optimalen Behandlung einer intraokulären Entzündung wird in Baumal et al. 2020 beschrieben (Baumal CR, Bodaghi B, Singer M, et al. Expert Opinion on Management of Intraocular Inflammation, Retinal Vasculitis, and/or Vascular Occlusion after Brolucizumab Treatment. Ophthalmol Retina. 2020 Sep 29:S2468-6530(20)30400-0). Der Hersteller Novartis hat einen Think Tank zur Klärung dieser Fragen ins Leben gerufen.

Sein persönlicher Behandlungs-Algorithmus lautet: Keine Verwendung von Brolucizumab bei Patienten mit Monokelsituation (dies entspricht dem SVRG-Statement), bei Patienten, die unter Behandlungsintervallen von 8 Wochen oder länger mit dem bisherigen Medikament stabil sind; kontrovers sieht Prof. Michels es bei Patienten, die unter Behandlung alle 4 – 6 Wochen stabil sind. Bei progressivem Visusverlust und Ödem unter vierwöchentlicher Behandlung ist für ihn Brolucizumab eine Behandlungsoption, jedoch nicht als Erstbehandlung und auch nicht zur Behandlung beider Augen.

Die Stellungnahme der SVRG mit ihrem neusten Update (16. Dezember 2020) finden Sie hier.

 

AAO: IRIS® Registry

Am AAO-Meeting wurde ein Poster zur IRIS®-Datenbank der AAO mit Daten zu über 12‘000 Patienten unter Therapie mit Brolucizumab und zum Register komodohealth (beide bei wetAMD) publiziert. Das Risiko für eine intraokulare Entzündung und/oder vaskuläre Okklusion lag insgesamt bei 2.4%, in beiden Registries vergleichbar häufig. Das Risiko bei Frauen war doppelt so hoch wie das der Männer. Das höchste Risiko wurde bei Patienten beobachtet, die in den 12 Monaten vor Therapiebeginn eine intraokuläre Entzündung oder Okklusion erlitten hatten. Für Männer war das Risiko in dieser Situation um etwa das Fünffache erhöht, für Frauen um das Elffache.

 

Marco Zarbin, Guruprasad B, Justin Yu, Mrudula Glassberg, Helene Fevrier, Andrew LaPrise, Neetu Agashivala, Rishi P. Singh, Charles Wykoff, Mathew MacCumber. PO395 Profiles and Early Outcomes of Patients Who Initiated Brolucizumab for Neovascular (Wet) Age-related Macular Degeneration (AMD) in the IRIS® Registry and Komodo Database. American Academy of Ophthalmology® Annual Meeting, 13-15 November 2020, Virtual meeting.