Molekulare Diagnostik und Patientendatenbank

Molekulare Diagnostik und Patientendatenbank

Die molekulare Diagnostik, landläufig „Genanalyse“ genannt, dient der Bestätigung oder dem Ausschluss einer klinischen Diagnose. Dies ist für die Beratung betroffener Patienten, zunehmend aber auch für Behandlungsmöglichkeiten relevant. Prof. Pascal Escher leitet die molekulare Diagnostik für Netzhautdystrophien am Inselspital in Bern und koordiniert den Aufbau einer schweizweiten Patientendatenbank in Zusammenarbeit mit Retina Suisse, welche zukünftig das Ophtha-Modul des Schweizerischen Registers für seltene Krankheiten werden sollte.

Das Patienten-Einverständnis für Genanalysen, das gemeinsam mit Retina Suisse erarbeitet wurde, ist für alle Schweizer Patienten einheitlich, denn alle sollen die gleiche Information bekommen. Fragen zum Datenschutz und zum rechtlichen Rahmen werden auch einheitlich geklärt. Die Formulare liegen auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch vor (ophthalmogenetik@insel.ch).

Zahllose genetische Veränderungen liegen der klinischen Diagnose Retinitis pigmentosa zugrunde, wobei auf genetischer Basis Überschneidungen zu anderen Entitäten wie Makuladystrophie, Lebersche kongenitale Amaurose, Zapfen-Stäbchen Dystrophie und weitere retinalen Dystrophien bestehen. Dank spektakulärer technologischer Fortschritte in den letzten Jahren beträgt die Erfolgsquote der Genanalyse („gelöste Fälle“) bei Netzhautdystrophien ca. 85 %. Inzwischen ist das Whole Exome Sequencing (23 000 Gene) 6 TB Informationsmenge) in der molekularen Diagnostik angekommen und Routine, aber das kosteneffiziente ‚klinische Exom‘ mit 7000 Genen wird weiterhin standardmässig verwendet. Für diese Hochdurchsatz-Sequenzierungen wird seit einem Jahr ein Apparat genutzt, welcher 6 Tb (Terabasen) Daten pro Sequenzierungslauf generiert, und die vorigen Geräte mit 120 Gb Datenausstoss ablöst.

Für die genetische Analyse wird die genomische DNA aus Blutproben isoliert. Blut wird in EDTA-Röhrchen entnommen (2 – 5 ml) und kann so bis etwa 7 Tage vorzugsweise gekühlt gelagert werden, bevor die Probe verarbeitet wird. Für gezielte genetische Analysen können auch Mundschleimhautabstriche verwendet werden, welche zügig versandt werden müssen.

Stargardt- und Stargardt-ähnliche Makulopathien zeigen, wie wichtig Erkenntnisse aus der molekularen Diagnostik sind, um diese Patienten mit klinisch nicht unterscheidbaren Phänotypen bestens zu betreuen:

  • Patienten mit autosomal rezessiven Morbus Stargardt (STGD1), welcher durch pathogene Genvarianten im ABCA4-Gen verursacht wird, sollten unbedingt Vitamin-A-Supplemente vermeiden.
  • Patienten mit autosomal dominanten Morbus Stargardt (STGD3), welcher durch pathogene Genvarianten im ELOVL4-Gen verursacht wird, können über das 50%-Risiko informiert werden, diese Makuladystrophie weiterzuvererben
  • Patienten mit autosomal dominanter Makuladystrophie, welche durch eine spezifische pathogene Genvariante im PRPH2-Gen verursacht wird, können sekundäre choroidale Neovaskularisationen entwickeln und ein augenärztliches Monitoring ist hier besonders wichtig,

Es ergeben sich bereits jetzt andere interessante Erkenntnisse, wie die „genetische Landschaft“ der Schweizer Netzhautdystrophien: zusätzlich der bekannten regional auftretenden dominanten Netzhautdystrophien ‚Malattia Leventinese‘ und ‚Zermatt-Makuladystrophie‘, identifizierten wir eine ,Allalin-Makuladystrophie‘, eine Sensler-Makuladystrophie‘ sowie eine „Säntis-RP“ .

Viele Krankenkassen stehen den Genanalysen positiv gegenüber. Die durch Prof. Pascal Escher gestellten Anträge an die Krankenkassen zur Erstattung der Kosten bei Patienten, für welche die Genanalyse indiziert ist, werden zu 80 % akzeptiert.

Ein wesentlicher Aspekt der Gendiagnostik ist die Befundmitteilung. Den Patienten sollte eine genetische Beratung angeboten werden, welche einerseits über Vererbung, Familienplanung, Pränatal- und Präimplantations-Diagnostik aufklärt, und andererseits Informationen über Forschung, klinische Studien und therapeutische Konsequenzen umfasst.

Fazit: Die molekulare Diagnostik hat ihre Berechtigung aufgrund der folgenden Aspekte: Bestätigung der klinischen Diagnose, exakte molekulare Diagnose, Prognose des Krankheitsverlaufs, Vererbung, Familienplanung und therapeutische Konsequenzen.