Gewagtes Thema: „Nutritional Threats“

Kann es erfolgreich sein, Patienten ihre lieben, aber schädlichen Ernährungsgewohnheiten madig zu machen? Darf man über „Nutritional Threats“ sprechen? Ja, fand Cécile Delcourt, PhD, Forschungsdirektorin am Bordeaux Population Health Research Center. Sie nannte in ihrem EURETINA-Vortrag „Nutritional Threats and Benefits for the Retina“ aber vor allem auch die Benefits. Nur fokussierte sie hier nicht auf einzelne „Super Foods“ oder Einzelnährstoffe.

In der Wissenschaft ist es beliebt, sich einzelne objektivierbare Parameter für eine Untersuchung herauszupicken, um klare Aussagen zu einer einfachen Hypothese treffen zu können. So eine Aussage kann beispielsweise lauten: „Nährstoff XY ist einer Zu- oder Abnahme des AMD-Risikos korreliert.“ In vitro-Studien liefern oft die Begründung, und darauf folgen klinische Studien, welche die Supplementierung mit einzelnen Vitaminen oder Spurenelementen prüfen. Dabei fallen die Ergebnisse fast regelmässig deutlich weniger klar aus, als man gehofft hatte.

Das liegt daran, dass diese Supplementierung im Rahmen völlig unterschiedlicher Ernährungsgewohnheiten geprüft wird. Für Fast-Food-Lover, vegane Überlebenskünstler und normale Alltagsesser müssten diese Supplemente also jeweils Resultate zeigen, und das tun sie bei diesen unterschiedlichen Bedingungen oft nicht eindeutig genug.

Es liegt auf der Hand, dass es wenig physiologisch ist, regelmässig eine Diät mit ungünstiger Zusammensetzung zu geniessen und zu hoffen, dass Einzelnährstoffe ausreichen, um den Stoffwechsel im gesunden Gleichgewicht zu halten.

Es braucht daher einen anderen, neuen Ansatz zur Erforschung der Nahrungsinhaltsstoffe, welche der Retina nutzen. Wichtig wäre die Entwicklung von Markern für Ernährungsmuster.

Ein sehr gutes Beispiel für ein generell gesundheitsunterstützendes Ernährungsmuster ist unverändert die altbekannte Mittelmeerdiät. Sie bringt beispielsweise höhere Plasmaspiegel an Omega-3-Fettsäuren, die wiederum das Risiko für eine fortgeschrittene AMD um 40% senken. Hier wären wir zwar wieder bei einzelnen Inhaltsstoffen – diese können aber vielfach ihre günstigen Wirkungen nur im Rahmen eines ganzen, abgestimmten Ernährungsmusters entfalten und weniger als reines Addendum zu einer US-Südostküsten- oder Mittleren-Westen-Diät mit reichlich tierischen und Trans-Fetten.

In Zukunft hofft man durch Bestimmung komplexerer Ernährungsbiomarker genauere Aussagen zum Retinarisiko einer Ernährungsweise treffen zu können. Wenn man ehrlich ist, will man das aber eigentlich gar nicht wissen. Die Probleme entstehen, weil man eine liebgewordene Ernährung nicht komplett umstellen möchte, sondern mit der einen oder anderen zusätzlichen Pille vorsichtshalber ein paar Risiken in Schach halten will.